Montag, 6. Juni 2011

Tag 4, 06. Juni 2011 Montpetot - l´ Auberson 11 km

Gite B&B Montpetot, 2 Pers.+ Frühstück, 42,- Euro

Gestern Abend sind wir noch in dem kleinen Weiler zur Kirche, die war aber, wie so oft, geschlossen.
Haben dann unsere Reiswaffel, die Orange und ein paar Aprikosen auf den Kirchenstufen verdrückt und eine wunderschöne Aussicht auf die Jurawälder genossen, die Sonne schien und es war richtig idyllisch.
Um acht sind wir ins Bett, so konnte ich dann endlich auch mal in meinem neuen Buch lesen, das ich im Rucksack seit Tagen mit mir rumschleppe und in welchem ein Paar über seinen Pilgerweg nach Assisi berichtet.
Die Frau hat genau solche Probleme mit dem Rucksack wie ich. Außerdem hat mir Everdiene in einem Kommentar Trost zugesprochen, das tat gut, schließlich spricht sie aus Erfahrung.
Als mein Mann gestern Abend noch vom Hausherren die Handtücher bekam und wieder aus dessen Wohnung zurück kam, warnte er mich schon vor, es  rieche alles nach Katze und die Zimmer seien dunkel und alt.
Die Begrüßung fiel gestern auch etwas reserviert aus, er spricht zwar deutsch, aber so richtig willkommen fühlten wir uns nicht, eine Nacht, was soll es ?
Also beschließen wir, heute Morgen so schnell wie möglich zu frühstücken und dann los. Um acht war vereinbart und wir sind pünktlich. Puh, es umgibt mich ein beißender Geruch, ich atmete ganz flach, das Zimmer ist wirklich duster, viele alte Möbel  voller altem Porzellan, die Gardinen scheinen noch älter zu sein und lange nicht gewaschen. Den Frühstückstisch aber hat er nett gedeckt, Marmelade, Butter, verschieden Brotsorten, Käse, Kaffee, Saft.
Während wir so an dem riesigen Eichentisch sitzen, gesellt er sich zu uns und schlürft aus eine Schale seinen Kaffee, in Unterhosen, offenem Hemd und Fleeceweste, die Mutter hält sich im Nachbarzimmer auf, sie lässt sich jedenfalls nicht blicken.
Auf meine Frage hin, wo er denn so gut deutsch gelernt hätte, beginnt er zu plaudern und hört nicht wieder auf. Und siehe da, der Mann ist etwa so alt wie wir und scheint hochintelligent zu sein. Nachdem er in München stationiert war, hat er in Berlin und später in Fürstenwalde an der Volkshochschule Französisch unterrichtet. Man redet über die Wirtschaftskrise und deren Auswirkungen in Frankreich und Deutschland. Wir erfahren wieder Hochinteressantes über die Region und die französische Mentalität, auch über Wirtschaft und Politik in der Schweiz. Er fährt immer nach Pontarlier, so erzählt er, und kaufe sich den "Spiegel", der hier übrigens 8 Euro kostet, er schaut das deutsche "Wer wird Millionär" und hat im November  1989 gerade im Berliner Stadtteil Neukölln gelebt, drei Wochen lang nach dem 9. November hat er sich nur von Döner und Kebap ernährt, weil man zum Aldi nicht mehr reinkam.  Er berichtet auch wie er als Franzose, damals in Westberlin lebend, die Wiedervereinigung erlebt hat, seine Gedanken und das was er sagt, sind hochinteressant und ich höre gespannt zu.  Später lebte er noch zehn Jahre in Fürstenwalde in Brandenburg, die Liebe hat in wohl dahin verschlagen, das, so meint er, waren die schönsten seines Lebens, weil der Brandenburger Humor dem Französischen ähnelt, das würden die gleichen Hugenotten-Gene machen.  So vergeht eine Stunde und wir wollten doch nur schnell frühstücken und weg. Der Wirt, dessen Namen wir leider nicht erfragt haben, wird mir immer sympathischer und ich glaube, wir ihm auch. Offensichtlich tat es ihm gut, mal wieder deutsch zu reden, das sagte er uns dann auch. Die Verabschiedung ist herzlich und als ich darum bittet, ein Foto von ihm machen zu dürfen ist ihm sein Outfit dann doch wohl etwas peinlich. Auch bleibt er noch lange in der Tür stehen und winkt.
Den ersten Kilometer laufen wir erst einmal schweigend nebeneinander her. Dann beginnen wir zu fachsimpeln, was heute alles wehtut und einigen uns auf Fußknöchel und Waden. Schnell erreichen wir die Straße und wandern auf ihr weiter bis nach Les Fourges, da essen wir etwas und weiter geht es.  Wir gehen wegen des immer noch schmerzenden Ischias in unterschiedlichem Tempo, das nimmt aber einer dem anderen nicht übel, spätestens an der Schweizer Grenze sind wir wieder zusammen.
Das Wetter ist richtiges Wanderwetter, trocken und nicht zu heiß. Ich betrachte die Wiesen mit den vielen Blumen und die friedlich weidenden Buntgescheckten, ab und zu rauscht mal ein Auto vorbei.
Schnell erreichen wir die Grenze und überschreiten diese zusammen um 13.28 Uhr. Sind ganz allein.
Angekommen.  Erlebnisse, die viele Bücher füllen würden,  tolle Begegnungen und wunderbare Landschaften, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, von England über die französische Atlantikküste,  Pas de Calais, die Champagne, Franche Comte haben diese Wanderung unvergesslich gemacht. Vor allem die Menschen, denen wir begegnet sind, bleiben uns unvergesslich. Also danke und merci all ihr Francois, Jaquelines, Serges, Cathrins, Jackys uns wie sie alle heißen.
Noch zwei Kilometer und unser heutiges Tagesziel, das Ferienhaus Le Grange in l Auberson ist erreicht.
Der Ort zieht sich, die Herberge liegt fast am Ende. Wir werden freundlich auf deutsch begrüßt, Frühstück gibt es nicht, Abendessen ja. Die Zimmer sind alle in apricotfarben gehalten, Wände, Gardinen, Bettwäsche, Handtücher. Sehr sauber, ähnlich einer kleinen Jugendherberge.  Bei der Ortsbesichtigung finde ich eine Bäckerei, die 6 Uhr öffnet, also bingo, morgen 6 Uhr geht’s weiter.
Kommen gerade vom Abendessen, es gab Salat, Schweizer Rösti, Fisch und Spinat, Wasser und eine Flasche Rotwein, zum Dessert Eis, bezahlt haben wir auch gleich, 142,- CHF.
Über Saint-Croix soll es morgen dann Richtung Yverdon am Neuenburger See gehen, 23 km.

Erkenntnis des Tages:  Eine nicht so attraktive Hülle verbirgt oftmals einen interessanten Kern.

Grenzübergang Frankreich - Schweiz


Video: Der alte Mann sagt...

Willkommen im Kanton Waad

im Hintergrund - französische Jura

3 Kommentare:

  1. Wunderbare Geschichten. Ich fiebere täglich den neuen Einträgen entgegen.
    Sehr anschaulich und spannend - wie wenn man selbst dabei wäre (natürlich ohne Rucksack :-) ).
    Viele Grüße und guten Weg!
    Gertrud
    I

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  2. Hallo liebe Mama, hallo lieber Papa,

    ich verfolge täglich Euren Blog und ich muss sagen,
    ihr schreibt das wundervoll. Vor allem sehr anschaulich.
    Ihr seid richtig zu beneiden. Genießt Eure Auszeit vom
    Alltag. Aber dennoch freue ich mich darauf Euch wieder
    zu sehen.

    In Liebe Eure Uli

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  3. Das macht eine Pilgerfahrt so besonders: das Unerwartete. Man vergesst alle Schlechte Dinge wieder.
    Und es ist schön, ist es nicht?
    Everdiene

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